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Nun ist es also vollbracht. Die DFB-Elf hat Russland besiegt und das WM-Ticket nach Südafrika gelöst. Am Ende eher glücklich als glanzvoll – aber was soll’s – drei Kisten Wodka später wird niemand mehr genauer nachfragen. Was zählt, steht auf der Anzeigetafel. In diesem Falle eine Null vor dem Doppelpunkt und eine Eins dahinter. Vorbei die Diskussionen über den Null-Tore-Sturm, über das Torhüter-Ranking und vor allen Dingen über den berüchtigten Kunstrasen. Spekulationen über Spekulationen: Welchen Einfluss die Wiese aus grünen Polymerketten auf den Spielverlauf nehmen könnte, wie sich der Ball auf der Plaste verhält, ob die Verletzungsgefahr steigt und wem der Belag zum Vorteil gereichen könnte… Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin, aber für mich war eine Frage mit starkem Praxisbezug viel interessanter.
Spätestens als eine Zeitlupeneinspielung von Michael Ballack eine lieb gewordene Fußballertradition in vollendetem Bewegungsablauf wiedergab, machten sich meine Gedanken selbstständig. Der Capitano neigte sein Haupt leicht zur Seite, spitzte die Lippen und in einer physikalisch perfekten Flugbahn wurde eine durchschnittliche Menge Speichel zunächst himmelwärts nach oben katapultiert, um dann einer symmetrischen Kurve folgend der Schwerkraft nachzugeben. Ich nehme an, der schaumige Klecks landete auf eben diesem, vieldiskutierten Kunstrasen. Nicht dass ich zwanghaft reinlich wäre, und erst recht leide ich nicht unter Putzzwang – aber die Vorstellung von 22 ausgewachsenen Männern, die im Schnitt während eines Spiels um die 200 Milliliter Schleim aus Mund und Nase mit Hochdruck in die Atmosphäre sprühen, regt meine Fantasie an. Rein rechnerisch wären das zwischen vier und fünf Liter Körperflüssigkeiten . Igitt! Auf natürlichem Untergrund werden diese organischen Verbindungen vermutlich absorbiert. Schließlich ist Schleim biologisch abbaubar- aber wie um alles in der Welt funktioniert das bei einem grünen Plastikteppich? Dreht nach dem fußballerischen Kräftemessen der Platzwart mit einem mobilen Hochleistungssauger seine Runden? Oder wird die potentielle Rutschgefahr durch spezielle Drainagen gebannt? Immerhin muss ja auch ein Kunstrasen möglicherweise den ein oder anderen Regenguss aushalten.
Wirklich auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich ausnahmslos alle Vertreter der kickenden Zunft dieser Technik bedienen, um angestaute Substanzen aus Rachen oder Nase zu entfernen. Zumindest trifft dies auf die männlichen Ballsportler zu. Wann genau lernt der Fußballnachwuchs eigentlich diese seltsame Art der HNO-Hygiene? Bei den Bambini? Oder in der B-Jugend – zusammen mit allem anderen, was im Fußball Standart ist? Vielleicht steht beim Training neben Ecken und Freistößen auch „Naseputzen auf Fußballer Art“ auf dem Plan. Die physischen Gründe für das ausgeprägte Spuckbedürfnis sind weniger rätselhaft. Der Körper produziert bei Belastung und erhöhter Atemfrequenz mehr Schleim. Je mehr sich die Sportler anstrengen, desto eher atmen sie durch den Mund, was wiederum zu Austrocknungserscheinungen führt. Der vorhandene Schleim im Mund-Rachenbereich wirkt zunehmend zäh und unangenehm und erschwert das Schlucken. Und genau an dieser Stelle setzt der psychologische Teil der Erklärung ein. Direktes Ausspucken gilt als typisch männlich – quasi Befreiung anstatt Beherrschung. Dicht gefolgt von Theorien über Speien als symbolisches Markieren des eigenen Reviers, Ausdruck von Imponiergehabe oder flüssige Duftmarke. Ebenfalls gern zitiert wird die Frustrations-Aggressivitäts-Hypothese. Danach dient der dynamische Auswurf von Schleim als Ventil für den Ärger über die eigene schlechte Leistung. Eine interessante These, denn das würde bedeuten, dass Sportwissenschaftler den Grad der Frustration während eines Spiels an der Menge der gesammelten Körperflüssigkeiten abmessen könnten. Doch genug der ausschweifenden Gedankenspiele. Als Frau sucht man nach praktischen und schnellen Lösungen. Ich vermute, Michael Ballack und seine Kollegen wissen sich einfach nicht anders zu helfen. Ihrer Berufskleidung fehlt es an den einfachsten Vorrichtungen, die es ihnen ermöglichen würden, einigermaßen gesittet arbeiten. Ich appelliere deshalb an alle Designer für Fußballtextilien: Sorgt bei Euren nächsten Entwürfen für Taschen in den Shorts – für Tempos.
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