Strafraumblog


Tod eines Geheimnisträgers-der letzte Weg des Robert Enke
15. November 2009, 23:05
Einsortiert unter: Kolumne

 

Einsame Entscheidung

Er parkt den dunklen Geländewagen 10 Meter von den Gleisen entfernt. Der Motor verstummt. Den Geldbeutel lässt er im Wagen zurück – genau wie den Abschiedsbrief. Seine Schritte knirschen auf dem nassen Grund, auf seinem letzten Weg an einem verregneten Novemberabend. Vielleicht wechselt er noch einmal die Richtung, besucht ein letztes Mal das Grab seiner Tochter auf dem nahegelegenen Friedhof. Vielleicht läuft er aber auch direkt auf die Gleise, folgt den Schienen mehrere hundert Meter, bevor er die Vibrationen unter seinen Schuhen spürt, die einen herannahenden Zug ankündigen. Was mag sein letzter Gedanke gewesen sein, als die Scheinwerfer ihn blenden? Wir werden es nie erfahren.

Offene Fragen und Spekulationen

Am 10. November 2009 um 18.25 Uhr endet das Leben von Robert Enke. Er wählte den Tod auf den Gleisen. Schienen, die andere Menschen nach Hause führen, zu ihren Familien, oder zu ihrer Arbeit oder zu neuen Zielen. Er selbst hatte nicht mehr die Kraft, an eine Wendung zum Guten zu glauben. Er hatte den Kampf gegen eine Krankheit verloren, die sich wie Blei auf sein Gemüt gelegt hatte. In wenigen Stunden wird das Gerücht schreckliche Gewissheit. Nicht nur Fußballfans sind entsetzt. Vorzeigeprofi, Kapitän, Vorbild, Nationaltorhüter – was kann einen erfolgreichen Sportler, Ehemann und Familienvater zu einer derart endgültigen Entscheidung nötigen? Spekulationen machen die Runde: ob er den Tod seiner kleinen Tochter vor drei Jahren nicht verkraftet habe, ob mehr hinter dem geheimnisvollen Virus stecke, der den Sportler wochenlang vom Training abhielt, oder ob die Enttäuschung über die Nichtnominierung für die kommenden Länderspiele zu groß gewesen sei.

Überraschende Einblicke

Am nächsten Tag bittet Hannover 96 zur Pressekonferenz. Auf dem Podium stellt sich nicht nur Therapeut Dr. Valentin Markser den Fragen, sondern auch Teresa Enke. Hochgeschlossen, tapfer, schön – eine perfekte Medienwitwe wider Willen. Die versammelte Presse erfährt Erstaunliches. Enke befand sich bereits seit 2003 in psychiatrischer Behandlung; hatte Versagens- und Zukunftsängste, weil seine Karriere nach dem Wechsel zum FC Barcelona stagnierte. Nach Phasen der Besserung gab es immer wieder Rückschläge. Der schlimmste war der Tod seiner zweijährigen Tochter Lara im Jahr 2006, die mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt gekommen war. Auch damals nahm die Öffentlichkeit Anteil am Schicksalsschlag des jungen Paares. Enkes Reaktion fügte sich passgenau in das Bild ein, das jeder von dem Fußballer hatte, der in Hannover inzwischen zum Idol gereift war. Er litt still und stand bereits vier Tage nach der Tragödie wieder für seinen Verein im Tor. Fußball war sein Leben – Bestätigung, Kameradschaft, Ablenkung. Enke, der starke Mann, der dennoch keines der gängigen Klischees bedienen konnte, insbesondere keines über Torhüter. Der gebürtige Jenaer war weder extrovertiert noch laut. Er galt als gebildet, belesen und angenehm sachlich, engagierte sich für Kinder und Tierschutz, war ein regelmäßiger Theatergänger. In erster Linie strahlte er Sicherheit und Ruhe aus, im Strafraum und vor den Kameras.

Grenzenlose Anteilnahme

Gerade deshalb ist die Fußballwelt weit über die deutschen Grenzen hinaus bestürzt. Das Gelände rund um die AWD-Arena wird zum ständig wachsenden Lichtermeer, der FC Barcelona widmet seinen Pokalsieg dem ehemaligen Mitspieler und auch bei Benfica Lissabon trauert man um den einstigen Mannschaftskapitän. Fassungslosigkeit auch auf den Titelseiten der London Times oder der Liberté.  Ein Übergang zur Tagesordnung? Unvorstellbar. Der DFB sagt auch auf Initiative des Mannschaftsrats hin zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Länderspiel wegen eines Todesfalls ab.

Unterschätztes Problem

Was bleibt, ist eine verstörte Fangemeinde, die nach Antworten sucht. Warum eigentlich gerade in diesem Fall? In Deutschland nehmen sich jedes Jahr 9000 Selbstmörder das Leben – bei geschätzten 40 bis 70 Prozent davon sind Depressionen der Auslöser.  Die Tragödie um Enke ist also nur eine von vielen. Aber gerade Fußballer gelten als ebenso verwöhnte wie überbezahlte Profis, die von ihren Vereinen gehegt werden, wie kostbare Rennpferde. Einige Bundesligisten beschäftigen bereits Mentaltrainer, Profis aus der Psychotherapie, die sich auch um das seelische Wohl der Spieler kümmern sollen. Dabei geht es allerdings eher um mentale Stärke vor dem Elfmeterpunkt und die Regel ist eine solche Betreuung noch lange nicht. Auch wäre es naiv anzunehmen, dass sich ein psychisch labiler Spieler seinen Kollegen anvertrauen würde. Das Märchen von den „11 Freunden“ endet spätestens dort, wo der Profifußball anfängt. Die Spieler sind im kommerzialisierten Spielbetrieb eher Konkurrenten als Kumpel. Die Strukturen innerhalb einer Mannschaft ähneln denen eines Rudels und wer Schwäche zeigt, wird aussortiert.

Im Griff der Angst

Der Grund, warum außer dem engsten  Umfeld von Robert Enke niemand etwas von seinen Stimmungsschwankungen wusste, liegt auch darin, dass es im Fußball Tabuthemen gibt, die von der Verbandsliga bis zur Bundesliga nicht stattfinden. In der archaischen Welt der Balltreter gibt es weder Homosexualität noch Depressionen. Wer seine Labilität öffentlich macht, wie Sebastian Deisler, wird schnell als Weichei abgestempelt oder als Einzelfall heruntergespielt. Enkes eigener Vater ist Psychotherapeut. Sowohl er als auch der behandelnde Arzt des Torhüters empfahlen ihm mehr als einmal, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Enke lehnte diese Maßnahme vehement ab. Er hatte Angst um seine Familie, dass man ihm und seiner Frau die im Frühjahr adoptierte Tochter Leila wieder nehmen könnte, wenn seine Krankheit öffentlich würde. Aber er hatte auch Angst um seine Karriere – fürchtete, den Mikrokosmos Fußball, dieses grüne Rechteck, den 16 Meter Raum, in dem er alles unter Kontrolle hatte, zu verlieren.

Brot und Spiele

Wenn wir ehrlich sind, war diese Furcht nicht ganz unbegründet. Fußball-Arenen unterscheiden sich nicht wesentlich von den Arenen der Antike. Wenn wir das Ticket für ein Bundesligaspiel lösen, erwarten wir eine Auszeit vom Alltag – Spannung, kompromisslose Zweikämpfe, die Mannschaft soll sich für uns zerreißen, vor allen Dingen aber für uns siegen. Die Spieler sehen aus wie Gladiatoren, wenn sie mit regungslosem Gesichtsausdruck aus dem Bauch der Stadien auf den Rasen schreiten.  Nicht nur im Abstiegskampf gehört es für manchen Fan dazu, dass Blut fließt. „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot!“, skandierten verstimmte Herthaner noch vor wenigen Wochen. Sogenannte „Fans“ des Drittligisten Dynamo Dresden hoben nach einer Heimniederlage ihres Vereins über Nacht elf Gräber auf dem Trainingsgelände aus. Doch nicht nur deshalb ist der Profifußball ungeeignet für sensible Naturen. In den Clubs sind die Profis vor allem wirtschaftliche Faktoren. Die Spieler, oft auch als  „Spielermaterial“ bezeichnet, werden ge- und verkauft, verliehen, ihr Marktwert geschätzt und zum Vereinsvermögen gerechnet. Ein Vokabular, bei dem man eher an juristisches Sachenrecht oder Bilanzen denkt, lässt nicht gerade auf übertriebenes Menscheln schließen.

Initialzündung für mehr Toleranz?

Dennoch erschüttert der überraschende Freitod die Fußballwelt. Nicht nur Fragen nach dem „warum“ prägen die Medienberichterstattung. Auch Forderungen, solche Tragödien in Zukunft zu verhindern, werden laut. Plötzlich sprechen alle von therapeutischer Betreuung direkt in den Vereinen. Dabei sollte man allerdings eines nicht vergessen: Eine Depression ist keine Ladehemmung vor dem Tor, sondern eine schwere seelische Erkrankung, die behandelt werden muss. Robert Enke war nicht der erste Fall in der Bundesliga, auch nicht der erste mit tödlichem Ausgang. Nur wenige erinnern sich an Guido Erhard. 2002 warf sich der damals 32-jährige, genau wie Enke, vor einen Zug. Ehe der manisch-depressive Profi sein Ende auf den Gleisen des Offenbacher Hauptbahnhofs fand, spielte er unter anderem für 1860 München und Mainz 05. Stationäre klinische Aufenthalte in Mannheim und Offenbach konnten ihm die Sehnsucht nach dem Tod nicht nehmen. Sein tragisches Schicksal war damals allerdings nur kleinere Meldungen in den einschlägigen Gazetten wert.  Mit Sebastian Deisler gibt es bereits einen prominenten Spieler, der offensiv und öffentlich mit seiner Krankheit umgeht – geändert hat sich dadurch aber nichts. Vielmehr beendete der zuletzt bei Bayern München unter Vertrag stehende Fußballer trotz Heilung seine Karriere, auch weil er sich in der Kabine nicht mehr ernst genommen fühlte. Nicht gerade ermutigend für andere Spieler mit ähnlichem Krankheitsbild. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass der Profifußball irgendwann zu der Einsicht gelangt, dass eine Depression genauso einschneidend und ebenso heilbar ist wie ein Kreuzbandriss – und dass eine seelische Verletzung deshalb auch genauso wenig Anlass bietet, sich zu schämen, wie ein körperlicher Defekt. Vielleicht ist es in einigen Jahren möglich, über dieses Thema zumindest so offen zu sprechen wie über Homosexualität im Fußball – was dennoch nicht dazu geführt hat, dass sich auch nur ein schwuler Profi geoutet hat.

Irrtum erwünscht

Warum ich trotzdem hoffe, dass ich mich irre? Weil alleine in Deutschland weit über zwei Millionen Kinder und Jugendliche Fußball spielen. In den Vereinen, auf den Bolzplätzen oder im Affenkäfig eifern sie ihren Vorbildern nach – den Spielern aus der Bundesliga. Von den Bambini bis zur A-Jugend schnürt der Nachwuchs die Schuhe für das, was uns genauso am Fußball fasziniert wie Kampf und Siege: Fairness, Spielfreude, füreinander einstehen, sein Bestes geben, einfach Teil einer Mannschaft sein. Ich würde mir wünschen, dass einige dieser Werte, die eigentlich die Basis von Fußball sein sollten, wieder in die Köpfe zurückkehren – bei Profis, Fans und Funktionären. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Hoffnung machte auch Teresa Enke zum Thema. In ihrer sehr persönlichen Traueranzeige verabschiedete sie sich mit einem Zitat von Václav Havel von ihrem Mann:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“




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