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Einsame Entscheidung
Er parkt den dunklen Geländewagen 10 Meter von den Gleisen entfernt. Der Motor verstummt. Den Geldbeutel lässt er im Wagen zurück – genau wie den Abschiedsbrief. Seine Schritte knirschen auf dem nassen Grund, auf seinem letzten Weg an einem verregneten Novemberabend. Vielleicht wechselt er noch einmal die Richtung, besucht ein letztes Mal das Grab seiner Tochter auf dem nahegelegenen Friedhof. Vielleicht läuft er aber auch direkt auf die Gleise, folgt den Schienen mehrere hundert Meter, bevor er die Vibrationen unter seinen Schuhen spürt, die einen herannahenden Zug ankündigen. Was mag sein letzter Gedanke gewesen sein, als die Scheinwerfer ihn blenden? Wir werden es nie erfahren.
Offene Fragen und Spekulationen
Am 10. November 2009 um 18.25 Uhr endet das Leben von Robert Enke. Er wählte den Tod auf den Gleisen. Schienen, die andere Menschen nach Hause führen, zu ihren Familien, oder zu ihrer Arbeit oder zu neuen Zielen. Er selbst hatte nicht mehr die Kraft, an eine Wendung zum Guten zu glauben. Er hatte den Kampf gegen eine Krankheit verloren, die sich wie Blei auf sein Gemüt gelegt hatte. In wenigen Stunden wird das Gerücht schreckliche Gewissheit. Nicht nur Fußballfans sind entsetzt. Vorzeigeprofi, Kapitän, Vorbild, Nationaltorhüter – was kann einen erfolgreichen Sportler, Ehemann und Familienvater zu einer derart endgültigen Entscheidung nötigen? Spekulationen machen die Runde: ob er den Tod seiner kleinen Tochter vor drei Jahren nicht verkraftet habe, ob mehr hinter dem geheimnisvollen Virus stecke, der den Sportler wochenlang vom Training abhielt, oder ob die Enttäuschung über die Nichtnominierung für die kommenden Länderspiele zu groß gewesen sei.
Überraschende Einblicke
Am nächsten Tag bittet Hannover 96 zur Pressekonferenz. Auf dem Podium stellt sich nicht nur Therapeut Dr. Valentin Markser den Fragen, sondern auch Teresa Enke. Hochgeschlossen, tapfer, schön – eine perfekte Medienwitwe wider Willen. Die versammelte Presse erfährt Erstaunliches. Enke befand sich bereits seit 2003 in psychiatrischer Behandlung; hatte Versagens- und Zukunftsängste, weil seine Karriere nach dem Wechsel zum FC Barcelona stagnierte. Nach Phasen der Besserung gab es immer wieder Rückschläge. Der schlimmste war der Tod seiner zweijährigen Tochter Lara im Jahr 2006, die mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt gekommen war. Auch damals nahm die Öffentlichkeit Anteil am Schicksalsschlag des jungen Paares. Enkes Reaktion fügte sich passgenau in das Bild ein, das jeder von dem Fußballer hatte, der in Hannover inzwischen zum Idol gereift war. Er litt still und stand bereits vier Tage nach der Tragödie wieder für seinen Verein im Tor. Fußball war sein Leben – Bestätigung, Kameradschaft, Ablenkung. Enke, der starke Mann, der dennoch keines der gängigen Klischees bedienen konnte, insbesondere keines über Torhüter. Der gebürtige Jenaer war weder extrovertiert noch laut. Er galt als gebildet, belesen und angenehm sachlich, engagierte sich für Kinder und Tierschutz, war ein regelmäßiger Theatergänger. In erster Linie strahlte er Sicherheit und Ruhe aus, im Strafraum und vor den Kameras.
Grenzenlose Anteilnahme
Gerade deshalb ist die Fußballwelt weit über die deutschen Grenzen hinaus bestürzt. Das Gelände rund um die AWD-Arena wird zum ständig wachsenden Lichtermeer, der FC Barcelona widmet seinen Pokalsieg dem ehemaligen Mitspieler und auch bei Benfica Lissabon trauert man um den einstigen Mannschaftskapitän. Fassungslosigkeit auch auf den Titelseiten der London Times oder der Liberté. Ein Übergang zur Tagesordnung? Unvorstellbar. Der DFB sagt auch auf Initiative des Mannschaftsrats hin zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Länderspiel wegen eines Todesfalls ab.
Unterschätztes Problem
Was bleibt, ist eine verstörte Fangemeinde, die nach Antworten sucht. Warum eigentlich gerade in diesem Fall? In Deutschland nehmen sich jedes Jahr 9000 Selbstmörder das Leben – bei geschätzten 40 bis 70 Prozent davon sind Depressionen der Auslöser. Die Tragödie um Enke ist also nur eine von vielen. Aber gerade Fußballer gelten als ebenso verwöhnte wie überbezahlte Profis, die von ihren Vereinen gehegt werden, wie kostbare Rennpferde. Einige Bundesligisten beschäftigen bereits Mentaltrainer, Profis aus der Psychotherapie, die sich auch um das seelische Wohl der Spieler kümmern sollen. Dabei geht es allerdings eher um mentale Stärke vor dem Elfmeterpunkt und die Regel ist eine solche Betreuung noch lange nicht. Auch wäre es naiv anzunehmen, dass sich ein psychisch labiler Spieler seinen Kollegen anvertrauen würde. Das Märchen von den „11 Freunden“ endet spätestens dort, wo der Profifußball anfängt. Die Spieler sind im kommerzialisierten Spielbetrieb eher Konkurrenten als Kumpel. Die Strukturen innerhalb einer Mannschaft ähneln denen eines Rudels und wer Schwäche zeigt, wird aussortiert.
Im Griff der Angst
Der Grund, warum außer dem engsten Umfeld von Robert Enke niemand etwas von seinen Stimmungsschwankungen wusste, liegt auch darin, dass es im Fußball Tabuthemen gibt, die von der Verbandsliga bis zur Bundesliga nicht stattfinden. In der archaischen Welt der Balltreter gibt es weder Homosexualität noch Depressionen. Wer seine Labilität öffentlich macht, wie Sebastian Deisler, wird schnell als Weichei abgestempelt oder als Einzelfall heruntergespielt. Enkes eigener Vater ist Psychotherapeut. Sowohl er als auch der behandelnde Arzt des Torhüters empfahlen ihm mehr als einmal, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Enke lehnte diese Maßnahme vehement ab. Er hatte Angst um seine Familie, dass man ihm und seiner Frau die im Frühjahr adoptierte Tochter Leila wieder nehmen könnte, wenn seine Krankheit öffentlich würde. Aber er hatte auch Angst um seine Karriere – fürchtete, den Mikrokosmos Fußball, dieses grüne Rechteck, den 16 Meter Raum, in dem er alles unter Kontrolle hatte, zu verlieren.
Brot und Spiele
Wenn wir ehrlich sind, war diese Furcht nicht ganz unbegründet. Fußball-Arenen unterscheiden sich nicht wesentlich von den Arenen der Antike. Wenn wir das Ticket für ein Bundesligaspiel lösen, erwarten wir eine Auszeit vom Alltag – Spannung, kompromisslose Zweikämpfe, die Mannschaft soll sich für uns zerreißen, vor allen Dingen aber für uns siegen. Die Spieler sehen aus wie Gladiatoren, wenn sie mit regungslosem Gesichtsausdruck aus dem Bauch der Stadien auf den Rasen schreiten. Nicht nur im Abstiegskampf gehört es für manchen Fan dazu, dass Blut fließt. „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot!“, skandierten verstimmte Herthaner noch vor wenigen Wochen. Sogenannte „Fans“ des Drittligisten Dynamo Dresden hoben nach einer Heimniederlage ihres Vereins über Nacht elf Gräber auf dem Trainingsgelände aus. Doch nicht nur deshalb ist der Profifußball ungeeignet für sensible Naturen. In den Clubs sind die Profis vor allem wirtschaftliche Faktoren. Die Spieler, oft auch als „Spielermaterial“ bezeichnet, werden ge- und verkauft, verliehen, ihr Marktwert geschätzt und zum Vereinsvermögen gerechnet. Ein Vokabular, bei dem man eher an juristisches Sachenrecht oder Bilanzen denkt, lässt nicht gerade auf übertriebenes Menscheln schließen.
Initialzündung für mehr Toleranz?
Dennoch erschüttert der überraschende Freitod die Fußballwelt. Nicht nur Fragen nach dem „warum“ prägen die Medienberichterstattung. Auch Forderungen, solche Tragödien in Zukunft zu verhindern, werden laut. Plötzlich sprechen alle von therapeutischer Betreuung direkt in den Vereinen. Dabei sollte man allerdings eines nicht vergessen: Eine Depression ist keine Ladehemmung vor dem Tor, sondern eine schwere seelische Erkrankung, die behandelt werden muss. Robert Enke war nicht der erste Fall in der Bundesliga, auch nicht der erste mit tödlichem Ausgang. Nur wenige erinnern sich an Guido Erhard. 2002 warf sich der damals 32-jährige, genau wie Enke, vor einen Zug. Ehe der manisch-depressive Profi sein Ende auf den Gleisen des Offenbacher Hauptbahnhofs fand, spielte er unter anderem für 1860 München und Mainz 05. Stationäre klinische Aufenthalte in Mannheim und Offenbach konnten ihm die Sehnsucht nach dem Tod nicht nehmen. Sein tragisches Schicksal war damals allerdings nur kleinere Meldungen in den einschlägigen Gazetten wert. Mit Sebastian Deisler gibt es bereits einen prominenten Spieler, der offensiv und öffentlich mit seiner Krankheit umgeht – geändert hat sich dadurch aber nichts. Vielmehr beendete der zuletzt bei Bayern München unter Vertrag stehende Fußballer trotz Heilung seine Karriere, auch weil er sich in der Kabine nicht mehr ernst genommen fühlte. Nicht gerade ermutigend für andere Spieler mit ähnlichem Krankheitsbild. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass der Profifußball irgendwann zu der Einsicht gelangt, dass eine Depression genauso einschneidend und ebenso heilbar ist wie ein Kreuzbandriss – und dass eine seelische Verletzung deshalb auch genauso wenig Anlass bietet, sich zu schämen, wie ein körperlicher Defekt. Vielleicht ist es in einigen Jahren möglich, über dieses Thema zumindest so offen zu sprechen wie über Homosexualität im Fußball – was dennoch nicht dazu geführt hat, dass sich auch nur ein schwuler Profi geoutet hat.
Irrtum erwünscht
Warum ich trotzdem hoffe, dass ich mich irre? Weil alleine in Deutschland weit über zwei Millionen Kinder und Jugendliche Fußball spielen. In den Vereinen, auf den Bolzplätzen oder im Affenkäfig eifern sie ihren Vorbildern nach – den Spielern aus der Bundesliga. Von den Bambini bis zur A-Jugend schnürt der Nachwuchs die Schuhe für das, was uns genauso am Fußball fasziniert wie Kampf und Siege: Fairness, Spielfreude, füreinander einstehen, sein Bestes geben, einfach Teil einer Mannschaft sein. Ich würde mir wünschen, dass einige dieser Werte, die eigentlich die Basis von Fußball sein sollten, wieder in die Köpfe zurückkehren – bei Profis, Fans und Funktionären. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Hoffnung machte auch Teresa Enke zum Thema. In ihrer sehr persönlichen Traueranzeige verabschiedete sie sich mit einem Zitat von Václav Havel von ihrem Mann:
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
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Nun ist es also vollbracht. Die DFB-Elf hat Russland besiegt und das WM-Ticket nach Südafrika gelöst. Am Ende eher glücklich als glanzvoll – aber was soll’s – drei Kisten Wodka später wird niemand mehr genauer nachfragen. Was zählt, steht auf der Anzeigetafel. In diesem Falle eine Null vor dem Doppelpunkt und eine Eins dahinter. Vorbei die Diskussionen über den Null-Tore-Sturm, über das Torhüter-Ranking und vor allen Dingen über den berüchtigten Kunstrasen. Spekulationen über Spekulationen: Welchen Einfluss die Wiese aus grünen Polymerketten auf den Spielverlauf nehmen könnte, wie sich der Ball auf der Plaste verhält, ob die Verletzungsgefahr steigt und wem der Belag zum Vorteil gereichen könnte… Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin, aber für mich war eine Frage mit starkem Praxisbezug viel interessanter.
Spätestens als eine Zeitlupeneinspielung von Michael Ballack eine lieb gewordene Fußballertradition in vollendetem Bewegungsablauf wiedergab, machten sich meine Gedanken selbstständig. Der Capitano neigte sein Haupt leicht zur Seite, spitzte die Lippen und in einer physikalisch perfekten Flugbahn wurde eine durchschnittliche Menge Speichel zunächst himmelwärts nach oben katapultiert, um dann einer symmetrischen Kurve folgend der Schwerkraft nachzugeben. Ich nehme an, der schaumige Klecks landete auf eben diesem, vieldiskutierten Kunstrasen. Nicht dass ich zwanghaft reinlich wäre, und erst recht leide ich nicht unter Putzzwang – aber die Vorstellung von 22 ausgewachsenen Männern, die im Schnitt während eines Spiels um die 200 Milliliter Schleim aus Mund und Nase mit Hochdruck in die Atmosphäre sprühen, regt meine Fantasie an. Rein rechnerisch wären das zwischen vier und fünf Liter Körperflüssigkeiten . Igitt! Auf natürlichem Untergrund werden diese organischen Verbindungen vermutlich absorbiert. Schließlich ist Schleim biologisch abbaubar- aber wie um alles in der Welt funktioniert das bei einem grünen Plastikteppich? Dreht nach dem fußballerischen Kräftemessen der Platzwart mit einem mobilen Hochleistungssauger seine Runden? Oder wird die potentielle Rutschgefahr durch spezielle Drainagen gebannt? Immerhin muss ja auch ein Kunstrasen möglicherweise den ein oder anderen Regenguss aushalten.
Wirklich auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich ausnahmslos alle Vertreter der kickenden Zunft dieser Technik bedienen, um angestaute Substanzen aus Rachen oder Nase zu entfernen. Zumindest trifft dies auf die männlichen Ballsportler zu. Wann genau lernt der Fußballnachwuchs eigentlich diese seltsame Art der HNO-Hygiene? Bei den Bambini? Oder in der B-Jugend – zusammen mit allem anderen, was im Fußball Standart ist? Vielleicht steht beim Training neben Ecken und Freistößen auch „Naseputzen auf Fußballer Art“ auf dem Plan. Die physischen Gründe für das ausgeprägte Spuckbedürfnis sind weniger rätselhaft. Der Körper produziert bei Belastung und erhöhter Atemfrequenz mehr Schleim. Je mehr sich die Sportler anstrengen, desto eher atmen sie durch den Mund, was wiederum zu Austrocknungserscheinungen führt. Der vorhandene Schleim im Mund-Rachenbereich wirkt zunehmend zäh und unangenehm und erschwert das Schlucken. Und genau an dieser Stelle setzt der psychologische Teil der Erklärung ein. Direktes Ausspucken gilt als typisch männlich – quasi Befreiung anstatt Beherrschung. Dicht gefolgt von Theorien über Speien als symbolisches Markieren des eigenen Reviers, Ausdruck von Imponiergehabe oder flüssige Duftmarke. Ebenfalls gern zitiert wird die Frustrations-Aggressivitäts-Hypothese. Danach dient der dynamische Auswurf von Schleim als Ventil für den Ärger über die eigene schlechte Leistung. Eine interessante These, denn das würde bedeuten, dass Sportwissenschaftler den Grad der Frustration während eines Spiels an der Menge der gesammelten Körperflüssigkeiten abmessen könnten. Doch genug der ausschweifenden Gedankenspiele. Als Frau sucht man nach praktischen und schnellen Lösungen. Ich vermute, Michael Ballack und seine Kollegen wissen sich einfach nicht anders zu helfen. Ihrer Berufskleidung fehlt es an den einfachsten Vorrichtungen, die es ihnen ermöglichen würden, einigermaßen gesittet arbeiten. Ich appelliere deshalb an alle Designer für Fußballtextilien: Sorgt bei Euren nächsten Entwürfen für Taschen in den Shorts – für Tempos.
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Ein lauer Montagabend im Juli – an einer Tankstelle irgendwo in Deutschland. Auf dem Weg von meinem froschfarbenen Kleinwagen zur Kasse halte ich wie immer am Zeitschriftenregal inne. Ein Meer von Titelblättern – mein Blick gerät ins Schwimmen. „Schminktipps für den Tag danach“, „Zehn sichere Wege in den Ruin“, „Bergsteigen in Holland“, „Schöner Wohnen mit yakfellbezogenen Jachtdeckmöbeln“. Während ich mich noch darüber wundere, dass trotz eines solchen Angebots an Information breite Bevölkerungsschichten schleichend verdummen, kneife ich kurz die Augen zusammen. Mit einem gezielten Griff sichere ich das Objekt meiner Begierde: Das letzte Exemplar seiner Art – zumindest für die nächsten sieben Tage. Sechs klare kirschrote Lettern. Das Titelblatt im Vierfarbdruck. Aber bekanntlich zählen ja die inneren Werte. Und die sprechen für sich: Leidenschaft, Eleganz, Spannung – zweimal wöchentlich.
Ich lasse die Reihen von Alkopops, Fertiggerichten und Grillutensilien zügig hinter mir und steuere auf den Tankwart zu, der aus seiner Lethargie erwacht, als ich die Zeitschrift meiner Wahl resolut auf den Tresen knalle. Seine Augen saugen sich an den bedruckten Seitenbündeln fest, suchen dann in meinem Gesicht eine Antwort. „Ist der für Sie?“, fragt er unsicher. „Jaaaaaa!“, erwidere ich gedehnt. „Sind Sie schon vergeben?“, erkundigt er sich daraufhin mit einem Blick, als wolle er Lassie doubeln. Skeptisch ziehe ich eine Augenbraue nach oben. „Neiiiiiin?“ Meine Antwort klingt wie eine Frage. Er registriert mein Misstrauen und fügt schnell hinzu: „Wenn man mal eine Frau trifft, die sich für Fußball interessiert, sollte man sie eigentlich gleich heiraten“. Ich grinse wissend, forme den „Kicker“ zu einer Rolle im Handtaschenformat und bezahle. Bevor sich die automatische Schiebetür nach draußen öffnet, nehme ich im Vorbeigehen eine weitere Schlagzeile war: „Immer mehr Fußballfans sind weiblich“, steht in einer überregionalen Tageszeitung zu lesen.
Viel später an diesem Abend google ich die Headline und erfahre, dass sie sich auf eine Studie des Kölner Marktforschungsunternehmens „Sport + Markt“ bezieht.
Bundesweit 13,7 Millionen Frauen sind laut besagter Analyse vom Ballfieber infiziert, 1991 waren es nur 5,9 Millionen. Tendenz: weiter steigend. Die freudige Erkenntnis lässt mich erschauern wie eine Siebtklässlerin vor ihrem ersten Kuss. „Ich bin nicht allein! Es gibt doch Leben da draußen!“ Woran liegt es dann, dass selbst im erweiterten Kreis meiner zahlreichen Freundinnen niemand vorhanden ist, der meine Gesinnung auch nur ansatzweise teilt? Sicher, die ein oder andere weiß durchaus die optischen Vorzüge austrainierter Stollenträger zu schätzen – aber die Materie an sich, das Spiel der Spiele, zählt keine davon zu ihren Vorlieben. Bewege ich mich vielleicht nicht im richtigen Umfeld? Laut der Studie wirkt die neue weibliche Fußballbegeisterung quasi „schichtübergreifend“. Daran kann es also nicht liegen. Immerhin haben viele Bundesligavereine den weiblichen Fan bereits als konsumfreudiges Wesen entdeckt und ihr Sortiment im Fanshop entsprechend angepasst. Irgendwie tröstet es mich zu wissen, dass ich Teil einer richtungsweisenden Zielgruppe bin und Armeen von Marketing Experten ihr Streben einzig darauf richten, meine Bedürfnisse zu befriedigen. Aber mal ehrlich: Das Trikot mit Lieblingsspielerbeflockung mag Kultcharakter haben und auch der Integration dienen – aber braucht Frau wirklich Halskettchen mit versilbertem Vereinswappen oder ein Duschgel mit Rasenduft? Gut gemeint, aber so nötig wie ein Volkshochschulkurs für Backen ohne Teig. Wie viel sinnvoller wäre stattdessen eine Plattform für „echte“ weibliche Fußballfans? Ein Ort des Austauschs für all die unterschätzten und missverstandenen Liebhaberinnen des Ballsports. In dieser Nacht reift der Entschluss, der ballverliebten Damenwelt künftig einen eigenen Blog zur Verfügung zu stellen. Im Bewusstsein, mir und anderen etwas Gutes zu tun, gleite ich langsam hinüber ins Reich der Träume. Denn da ich Ahnung von Fußball, aber keinen Schimmer vom Bloggen habe, verschaffe ich mir selbst ein „virtuelles Übungsgelände“ und eröffne gleichzeitig eine Spielwiese für Frauen, denen „Mann“ regelmäßig nicht einmal die korrekte Interpretation der Abseitsregel zutraut. Ein letztes Mal zucken meine Mundwinkel im Schlaf. Einen würde mein Blog auf jeden Fall glücklich machen. Den netten Tankwart mit der Schwäche für weibliche Fußballfans…